

...des VW TYP 3
Er war kein Beau, eher ein braver Typ,
zuverlässig wie eine Präzisionsuhr. Seine Kunden mochten das: Über 2,5 Millionen Typ 3
streuten die Wolfsburger unters Volk. Einmal im Leben durfte der VW1600 sogar zum High
Tech-Symbol werden - als weltweit erstes Serienauto mit elektronischer Benzineinspritzung.
Was hatten sie Mühe in Wolfsburg, ihn am
Leben zu erhalten, obwohl sein Weg längst zu Ende war. Bis 1973 stand der VW 1600 als
Stufenheck, Fließheck und Variant in den Fenstern der Händler. Er reifte zum
Auto-Methusalem, weil VW dem unbeweglich gewordenen Großkonzern, erst mit dem Passat ein
Nachfolger gelang.
Bis dahin hörte man den Werbetexten das
verlegene Räuspern ihrer Verfasser an. "Der VW 1600 ist kein modischer Blender, der
mit Chrom und Styling Arabesken um sich wirft, sondern ein gediegenes, grundehrliches
Fahrzeug, befähigt, seinem Besitzer, der solche Eigenschaften schätzt, zu dienen",
hieß es in einer VW-Pressenotiz von 1972. Bis heute fällt es nicht schwer, sich diese
Zielgruppe vorzustellen
Auto-Feinschmecker ätzten damals, beim Kauf
eines Volkswagen 1600 gäbe es die Hosenträger gratis dazu.
Nun ist er längst nicht mehr die Wahl der
Normalverbraucher sondern ein Fall für Nostalgiker. Es fällt schwer, den Daumen über
seinem Blech zu senken:
Die Begegnung hinterläßt den Eindruck eines
durchaus sympathischen Autos. Das beginnt bei der sauberen Verarbeitung: Mit leisem Klack
fällt die Tür ins Schloß, das Schiebedach öffnet sich mit Leichtigkeit. Die schwarzen
Kunstledersitze überzeugen mit ihren Nehmerqualitäten: Die Federkerne sind straff, und
mancher Kompaktwagen der Neuzeit schockt mit schwammigerem Gestühl. Natürlich,
Seitenführung ist nur ein Wort, und atmungsaktiv ist im Sommer nur der Mann hinterm
dürren Zweispeichenvolant - ein Lüftungsgebläse gab es nur gegen Aufpreis.
Präzise rastet der Blinkerhebel ein; die
etwas labile Führung des Schalthebels ist kein Altersgebrechen, sondern authentische
Eigenart. Wie wenig sich die Zeiten in mancher Beziehung ändern: Mit Halbgas schwimme der
1600er bequem im Stadtverkehr mit, notierte auto motor und sport im Dezember
1969. Die Erkenntnis gilt bis heute - wie auch der Hinweis, daß die Autobahn nicht sein
bevorzugter Lebensraum ist: Das Brummeln des 54 PS-Boxers schwillt über 120 km/h zum
zornigen Geballer an. Und Geradeausfahren gehörte nie zu den Stärken eines VW 1600, erst
recht nicht bei Seitenwind - selbst dann, wenn der vordere Kofferraum zum Ausgleich seiner
Hecklastigkeit eine massive Waschbetonplatte beherbergte.
Im Heck steckte ein schwarzes Kästchen, das
nicht schwer, aber technisch von Gewicht war: Als ersten Pkw der Welt lieferte Volkswagen
das Mittelstands-Mobil mit elektronischer Kraftstoffeinspritzung, der Ur-Jetronic aus dem
Hause Bosch. Der Steuercomputer, groß wie ein flaches Zigarrenkistchen, wohnte im
hinteren linken Kotflügel und stand, mitsamt seiner Peripherie aus Druckregler, -fühler
und -schalter, mit 585 Mark in den deutschen Preislisten.
Dort freilich nahm sie kaum ein einheimischer
Kunde zur Kenntnis - weder mehr Schub noch bedeutend niedrigeren Verbrauch konnte VW
versprechen, sondern allenfalls etwas bessere Elastizität und einen um die Hälfte
reduzierten CO-Gehalt im Abgas. Amerikanische Zulassungsbestimmungen hatten diese
Optimierung gefordert, es war kein Thema in der Alten Welt. "Abgas schert uns nicht
so sehr wie die Amerikaner in ihren Ballungsgebieten", kommentierte "mot"
damals und fügte hinzu: "Los Angeles leidet unter Bedingungen, die es in Deutschland
nicht annähernd gibt. "
Amerika war in jenen Jahren der wichtigste
Auslandsmarkt für Volkswagens Mittelklasse. Die Amis schienen verrückt zu sein nach den
Mainstream-Autos vom Mittellandkanal: Weil Volkswagen 1965 den offiziellen Import des VW
1600 startete, besorgten sich US-Interessenten das begehrte Teutonen-Auto zuvor massenhaft
vom grauen Markt.
Amerikanische Aufkäufer boten deutschen Typ
3-Eignern Wirtschafiswunderpreise fürr ihre jungen Gebrauchten: Über 20.000 davon liefen
bereits in Amerika, bevor VW selbst aktiv wurde. Zum gleichen Zeitpunkt hatte sich der
1600er zu Hause bereits auf Platz vier der Verkaufsstatistiken gedrängelt, gleich hinter
Käfer, Kadett und Rekord.
Zwischen den beiden wichtigsten Märkten
taten sich gewaltige Unterschiede auf: In den Vereinigten Staaten stand der VW 1600
keineswegs im Ruch behäbiger Lebensart. Die Kombi-Version Variant galt im Kalifornien der
sechziger Jahre sogar als Ikone intellektuellen Lifestyles. Das war äußerst
ungewöhnlich zu einem Zeitpunkt, als es "im konventionellen Deutschland noch sehr
schwer war, einer Familie einen Kombi zu verkaufen", sagt heute Carl H. Hahn,
damaliger VW-Vertriebschef und späterer Vorstandsvorsitzender.
Und: "VW gelang das nur auf Grund seines
Images." Das VW-Image war in den sechziger Jahren allerdings kaum von Wagemut
befeuert. Heinrich Nordhoff, VW-Generaldirektor, hatte mit fester Hand an den
Grundtugenden des Käfers festgehalten. Akkurate Verarbeitung, perfekter Service, niedrige
Ersatzteilpreise und harter Wiederverkaufswert ließen ihn seinen Konkurrenten davonfahren
- und auch den Kritikern, die pausenlos das angestaubte Konzept des Käfer monierten.
Selbst "Der Spiegel" fragte in einer Melange aus Häme und Besorgnis: "Ist
der Volkswagen veraltet?"
Nordhoff, der autoritäre König von
Wolfsburg, hatte mit dem Typ 3 auf seine Weise geantwortet. Der "Große
Volkswagen", auf der 1961er IAA präsentiert, wurde als eigenständiges VW-Modell
gepriesen, war aber bis in jede Faser seines Plattformrahmens ein großgewordener Käfer
geblieben. Selbst der Radstand beider Modelle stimmte exakt überein.
Und natürlich hatte ein luftgekühlter
Boxermotor im Heck zu sitzen, "in Unterflurbauweise", wie VW anfangs stolz
verkündete. Das Triebwerk mußte extrem flach sein, damit ein Stockwerk höher noch Platz
für ein kleines, flaches Kofferabteil blieb. Das teilte sich sein Schicksal mit dem
vorderen Gepäckraum: Bierkisten waren zu hoch, um unter die Hauben zu kommen.
So blieb es bis zum Ende seiner Tage - obwohl
VW im Herbst 1969 den Vorderwagen verlängerte: 25 Prozent mehr Kofferraumvolumen
versprachen die Techniker. Sie redeten aber nicht so gern über die Höhe des Ladeguts.
Bis heute muß ein 1600er Besitzer
Großeinkäufe auf dem Rücksitz ihres Autos transportieren. Und vielleicht auch einen
Laternenparkplatz inklusive. Der VW findet damit authentische Lebensbedingungen vor - so,
wie es die Werbetexter 1969 in ihrem Vierfarb-Prospekt empfahlen:
"Wenn Sie keine Garage haben, so ist das
kein Grund, keinen VW 1600 L zu haben. Er wird praktisch mit Garage geliefert. Mit solider
Mehrschichten-Lackierung."
Christian Steiger (MOTOR KLASSIK)
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